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Sein Schicksal ist seine Mission

Friedrich Buhlrich berichtet vor Oberschülern über Nazi-Morde

Fotos und Text von Vivian Münzel

Er hat seine drei Geschwister nie persönlich kennengelernt. Erst als junger Mann erfuhr er von ihrer Existenz. Doch da lebten sie alle längst nicht mehr. Hans-Wilhelm, Erika und Margret wurden ermordet, als sie noch Kinder waren. Und Friedrich Buhlrich, ihr Adoptiv-Bruder, will über ihre Geschichte sprechen. Mehr als zwanzig Neuntklässler der Oberschule am Buchwedel in Stelle hängen an seinen Lippen. Heute erleben sie den Geschichtsunterricht nicht aus Büchern oder Filmen, sondern von einem echten Zeitzeugen, der betroffen ist von den Verbrechen der Nationalsozialisten. Hans-Wilhelm, Erika und Margret sind der Grund, warum Friedrich Buhlrich ehrenamtlich von Schule zu Schule fährt, sich mit Kommunalpolitikern trifft und auch immer wieder mit den Medien über das Schicksal seiner drei Geschwister spricht.

Bei der Erinnerung an früher kullern auch mal Tränen

Wenn er von seiner Familie erzählt, dann fangen seine Augen an zu leuchten, „Familie ist das Allerwichtigste für mich“, so Buhlrich. Mitunter kann bei der Erinnerung an früher auch mal die eine oder andere Träne die Wange hinunterkullern. „Dazu stehe ich.“ Der Rentner möchte Gerechtigkeit, von der Politik und von der Gesellschaft. Denn noch immer gebe es viel zu wenig Aufmerksamkeit für all die beeinträchtigen Menschen, die im Zuge der sogenannten „Euthanasie“ Opfer der Nazis wurden. Körperlich oder geistig versehrte Menschen galten in deren Weltanschauung als „Ballastexistenzen“, „unnütze Esser“ und „lebensunwert“, sie sollten ausgelöscht werden.

Friedrich Buhlrich wurde 1946 geboren, doch seine leibliche Mutter durfte ihn nicht behalten. Er war das Kind eines polnischen Zwangsarbeiters, unehelich, eine Schande in der damaligen Zeit. So wurde er kurz nach der Entbindung adoptiert. Erfahren hat er das aber erst als junger Mann, seine Adoptivmutter Johanne berichtete ihm unter Tränen davon. Ihre drei leiblichen Kinder, Hans-Wilhelm, Erika und Margret, waren zu diesem Zeitpunkt bereits seit über zwanzig Jahren tot. Dass es sie überhaupt gegeben hatte, erfuhr Buhlrich aber nicht von seinen Adoptiveltern, sondern nur zufällig, als ihm aus einem Fotoalbum drei Sterbeurkunden in die Hände fielen. Die Eltern sprachen mit ihm nicht über die drei Kinder. Zu groß war ihre Scham.

Diagnose: „schwachsinnig"

Begonnen hatte die Leidensgeschichte der Familie Buhlrich mit den Erschöpfungszuständen von Mutter Johanne. Ihr erstes leibliches Kind, Sohn Hans-Wilhelm, war 1932 mit einem lahmen Arm auf die Welt gekommen. Zudem sei er in der geistigen Entwicklung verzögert gewesen, „aber ein unheimlich lieber Junge“, erklärt Friedrich Buhlrich den Schülern. Im Jahr 1936 kam dann seine Schwester Erika zur Welt, ein gesundes Mädchen. Doch mit einem Jahr erkrankte sie an einer Hirnhautentzündung, weshalb auch sie in ihrer Entwicklung etwas verzögert blieb. Schließlich kam im Jahr 1941 das dritte Kind der Buhlrichs zur Welt, Margret, ein gesundes Mädchen. Doch die Belastung mit drei kleinen Kindern brachte Johanne Buhlrich an ihre Grenzen. Sie war mit ihnen auf sich allein gestellt, der Vater musste an die Front. Der Hausarzt empfahl den Eltern, Hans-Wilhelm vorübergehend in ein Heim zu geben, bis die Mutter wieder bei Kräften sei. Nach reiflicher Überlegung stimmten die Eltern zu und Hans-Wilhelm kam in das Gertrudenheim nach Oldenburg. Der Bericht des Hausarztes über Hans-Wilhelm wurde nach Berlin in die Tiergartenstraße 4 geschickt, an den Ort also, an dem im Zuge der „Aktion T4“ von den Nazis unter anderem darüber entschieden wurde, wann ein beeinträchtigter Mensch der „Euthanasie“ zum Opfer fallen und somit ermordet werden sollte. Lebend sahen die Buhlrichs ihren Sohn nicht wieder. Denn eine Jugendamtsmitarbeiterin, „Schwester Antje“, befand Hans-Wilhelm für „schwachsinnig“. So wurde er vom Heim in Oldenburg in die Heil- und Pflegeanstalt Kutzenberg bei Nürnberg überführt, in der er schließlich im Alter von zehn Jahren sterben musste.

„Erika riss sich vor Kummer die Haare aus"

Auch die später geborenen Schwestern Erika und Margret wurden zu Opfern der „Euthanasie“. Erneut sei es „Schwester Antje“ gewesen, die die Kinder als „lebensunwert“ einstufte. Und das nur, weil die erst drei- und sechsjährigen Kinder während einer stundenlangen Bombennacht in einem Bremer Bunker von ihrer Mutter kaum zu beruhigen gewesen waren. Irgendjemand gab das weiter, „ob Bunkerwart oder Nachbar, ich weiß es nicht“, sagt Buhlrich. Für die Jugendamtsmitarbeiterin war die Denunziation Beweis genug. Die Mädchen wurden auf ihre Einschätzung hin 1944 in die „Kinderfachabteilung“ der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg eingewiesen. „Erika riss sich vor Kummer die Haare aus und wurde monatelang in eine Zwangsjacke gesteckt“, erklärt Buhlrich den Schülerinnen und Schülern. Schließlich starb sie im November 1944. Nur kurze Zeit später, im Januar 1945, auch ihre kleine Schwester Margret, die bei der Einweisung ein völlig gesundes Kind gewesen war. Sie war erst vier Jahre alt.

Heute weiß man auch durch die Forschung der Historiker in der Lüneburger „Euthanasie“-Gedenkstätte, dass mindestens 425 Kinder in der „Kinderfachabteilung“ ermordet wurden, darunter Erika und Margret: durch Verwahrlosung, Unterkühlung, Nahrungsentzug und die Gabe von Luminal, ein Medikament gegen Epilsepsie mit tödlichen Folgen für die völlig geschwächten Kinder.

„Ich hätte ihm noch viel länger zuhören können!"

„Ich verstehe einfach nicht, warum die beiden Mädchen überhaupt in die Heil- und Pflegeanstalt kamen. Nur, weil sie vor Angst geweint haben?“, will der 15-jährige Junin wissen. „Sie wurden verraten. Aber warum? Die Menschen waren überzeugt vom Weltbild der Nazis, man konnte niemandem trauen“, versucht Buhlrich zu erklären. Für die Schülerinnen und Schüler ist das nicht nachzuvollziehen. Ihr Feedback zum Treffen mit Herrn Buhlrich fällt stark aus. Lia meint: „Das war richtig bewegend und er hat mir irgendwie auch so leidgetan für das, was seine Familie ertragen musste.“ Und Nazila ergänzt: „Ich hätte ihm noch viel länger zuhören können.“ „Es ist einfach noch mal was anderes, die Geschichte von jemandem zu hören, der direkt betroffen ist“, erklärt Junin. Tobias, der das Gespräch moderierte, will zum Abschluss wissen: „Was wünschen Sie sich, vor allem, wenn Sie auf die Politik von heute schauen?“ Der Appell Friedrich Buhlrichs an die Teenager ist deutlich: „Ihr könnt wirklich wählen, wen ihr wollt. Das ist mir völlig egal. Nur eins ist doch klar: Nicht die Nazis! Das haben wir alles schon gehabt. Und es war eine Katastrophe.“

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Schipfmann Carina

    Ein wirklich bewegender Beitrag! Es ist großartig, dass die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit haben, sich mit einem so wichtigen Thema im Unterricht auseinanderzusetzen. Ein großes Lob an die engagierten Lehrkräfte, die diesen Unterricht mit viel Feingefühl und Sorgfalt vorbereiten.

    1. v.mz

      Vielen Dank für die wertschätzenden Worte! Wir haben dieses Treffen mit größter Freude möglich gemacht. Unser Dank gilt natürlich auch Friedrich Buhlrich, der uns auf die Reise in seine Vergangenheit mitgenommen hat.